Die Ultra-Gruppierung - Eine Fallstudie

Die Geschichte der Menschheit zeichnet sich unter anderem durch den Versuch des Menschen ,die Natur in allen Bereichen zu übertreffen, aus. Mittlerweile können wir schneller fliegen als jeder Vogel, weiter schwimmen als jeder Fisch und uns schneller fortbewegen als es je einem Tier zu Lande möglich gewesen ist. Und obwohl Einige von uns mittlerweile in der Lage sind künstlich Leben zu erschaffen, hat die Natur auch im Jahre 2008 nichts von ihrer Vielfältigkeit und Faszination verloren. Manches scheint uns auch heute noch seltsam, skuril und auf den ersten Blick unsinnig. Doch bei genauem Hinsehen erschließen sich dem geneigten Betrachter oftmals ungeahnte Geheimnisse.

Nach vielen Jahren penibelster Forschung, Beobachtung und unzähligen Versuchen sind wir nun zum ersten Mal in der Lage den Lebenszyklus einer der absonderlichsten Naturkreationen der Neuzeit zu beschreiben: Die Ultra-Gruppierung. 

I. Herkunft

I.a) Abstammung. Als der Fußball noch in den schraubgestollten Kinderschuhen steckte, interessierten sich vor allem die Akteure selbst für ihr Spiel, für ihre Freizeitbeschäftigung der sie da gerade nachkamen. Doch der Faszination des Spiels erlagen bald ganze Heerscharen von Menschen und je besser eine Mannschaft das Spiel beherrschte, desto mehr Menschen fanden sich ein, die diese Mannschaft lautstark unterstützten und Erfolg oder Misserfolg der Mannschaft auch auf sich selbst projizierten. Gewann meine Mannschaft, war auch ich ein Sieger, verlor sie, war auch ich ein Verlierer. Diese Menschen bezeichnete man als "Fans". Mit der Ausbreitung des Fußballs und den nun unübersichtlich großen Zahlen an Mannschaften erschloß sich schnell die Notwendigkeit eines geordneten Spielbetriebs. Im Laufe der Zeit wurden Ligen, Verbände, Regeln und Stadien aus der Taufe gehoben, immer mehr Menschen pilgerten zu Spielen. Auch die Zuschauer waren Veränderungen unterworfen. Die lautstark anfeuernden Fans mit Vereinsidentifikation, die ihrem Club überall hin folgten, gab es immer noch. Dazu gesellten sich nun reiche Honoratioren, deren Gelder für die gesponserten Vereine ganz neue Möglichkeiten eröffneten. Daneben existierten nun zahllose Erfolgsfans, die je nach Vereinserfolg kamen oder fernblieben. Die selbsternannten "wahren Fans" begannen bald die anderen Gruppen zu verachten. Sie waren die Vorläufer der Ultra-Gruppierung.

I.b) Geburt

Als die Millionäre nicht nur neben, sondern auch auf dem Platz zu stehen anfingen, trat eine große Veränderung im Fanleben ein. Die wichtigste Gruppe waren nun nicht mehr die anfeuernden Fans auf ihren kaum gewinnbringenden Stehplätzen, sondern die reichen Besucher der VIP-Loungen. In dieser Zeit wurde in Italien die Ultra-Gruppierung geboren, die kurze Zeit später nach Deutschland wanderte.

II. Wesen

Die Ultra-Gruppierung ist clever, sie weiß sich in Szene zu setzen. Durch das Basteln bunter Bildchen und Fahnen macht sie auf sich aufmerksam und erklärt, damit auch die Mannschaft zu unterstützen. Solche aufwändig gestalteten Bildchen nennt die Ultra-Gruppierung "Choreographie". Weiterhin versucht die Ultra-Gruppierung durch eigene, neue Lieder ihre Notwendigkeit für den Verein unter Beweis zu stellen. Weiterhin charakteristisch ist die Berufung und Betonung der Tradition des Vereins, für den man steht. Die Tradition gilt zwischen Ultra-Gruppierungen als ultimative Rechtfertigungswaffe. Bei der Beobachtung des Zusammentreffens zweier Ultra-Gruppen in freier Wildbahn, ließ sich feststellen, dass die Tradition ähnlich dem Kleid eines Pfauenhahns, zur Beeindruckung des Anderen verwendet werden kann. In dieser Hinsicht zeigt sich die Ultra-Gruppierung äußerst erfinderisch, sie orientiert sich an historischen Gepflogenheiten. In der Antike war es üblich, seine Herkunft auf einen Gott zu stützen. Um dies einigermaßen plausibel zu machen, schreckte man auch vor riesigen Lügenkostrukten nicht zurück. Ähnlich tut es die Ultra-Gruppierung, ob ein Verein Tradition hat oder nicht, ist zweitrangig. Wichtig ist, eine angebliche Tradition glaubhaft darstellen zu können. Dies gelingt deshalb so gut ,weil sich noch nie jemand Gedanken darüber gemacht hat, wie man "Tradition" eigentlich zu definieren hat.

III. Lebenszyklus

Durch einen plötzlichen, heftigen, meist spontanen Impuls erblickt die Ultragruppierung das Licht der Welt. Größe und Gewicht variieren dabei stark und stehen in einem noch nicht ganz geklärten Verhältnis zur sozialen Umgebung. Fortan protestiert die Ultra-Bewegung aufs Heftigste "gegen den modernen Fußball" und wirft immer wieder die ominöse Tradition in die Waagschale. In der Hauptsache konzentriert man sich jedoch auf die Unterstützung der Mannschaft. Dies geschieht auf audiovisuelle Weise und bringt der Ultra-Gruppierung zumindest zu Beginn einen großen Aufmerksamkeitsschub. Bei der Ultra-Gruppierung selbst kommt es zu starken Ausschüttungen von Glückshormonen, die vollkommen unabhängig vom Ergebnis der zu unterstützenden Mannschaft sind. In diesem Punk unterscheidet sich die Ultra-Gruppierung fundamental von früheren Fan-Vereinigungen. Hier geht es in erster Linie nicht mehr um den Verein als solchen, sondern um das Feiern der eigenen Existenz. Eine nur allzu typische Erscheinung in der modernen Spaßgesellschaft. Zum Selbstschutz wird offiziell als Hauptaufgabe aber weiter die bedingungslose Unterstützung des Vereins angegeben.

Im Leben einer Ultragruppierung wird irgendwann der Punkt erreicht, an dem die Gruppierung merkt, dass sie ihre öffentlich proklamierten Ziele selbst negiert. Auch dieser Zeitpunkt ist von Gruppe zu Gruppe unterschiedlich und stark von Veränderungen im Verein abhängig. Sie wird sich nun bewußt, dass ihr Handeln absolut im Gegensatz zu den angegebenen Zielen steht. Der Protest gegen den modernen Fußball beschränkt sich nämlich in der Regel auf ein kleines Banner, das lustlos an einem Zaun im Wind flattert und einige wenige, unmotivierte Foreneinträge. Ansonsten unterstützt die Ultra-Gruppierung den modernen Fußball, indem sie die Millionäre auf dem Platz anfeuert, dem modernen Verein durch Trikotkauf und Eintritt Geld in die Kassen spült und ihn gegen all die anderen "kommerziellen Retortenclubs" (Ultrasprache) verteidigt. Von dem Tag an, da diese Erkenntnis eintritt, erfolgt der Abstieg der Ultragruppierung. Das finale Highlight im Leben der Ultra-Gruppierung ist der zum Scheitern verurteilte Kampf gegen Kommerzialisierungstendenzen im eigenen Verein. Dieser letzte Kreuzzug, der geichzeitig den Untergang besiegelt, kommt zu Stande, in dem sich die Ultra-Gruppierung tatsächlich auf die von ihr proklamierten Werte besinnt. Meist braucht es dann noch einen Auslöser, der sie ins letzte Gefecht treibt. Dies kann beispielsweise die Namensänderung eines Vereins, die Fusion mit einem anderen Verein, der Verkauf des Stadionnamens oder die Zerstörung der alten Spielstände zu Gunsten einer "seelenlosen Multifunktionsarena" (Ultrasprache) sein.

Die Ultragruppierung kämpft nun als Speerspitze der Protestbewegung, versucht alle Hebel in Bewegung zu setzen, ruft zu Demonstrationen auf und wirbt mit eigenen Homepages, Flyern und Plakaten für ihr Anliegen. Zuletzt nutzt dies alles nichts, da der Verein sich auf wenige reiche Menschen stützt und die Ultra-Gruppierung für seine Interessen im Zweifelsfall nicht benötigt. Die Ultra-Gruppierung wird also Opfer ihres eigenen Entstehungshintergrunds. Der Sieg des Vereins bedeutet nun den Tod unserer geliebten Gruppe, sie zerfällt und verstreut sich in alle Winde. Einige Teile aber schließen sich zu einer neuen Gruppe zusammen und der Kreislauf beginnt von vorn. 

6.3.08 01:55

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