A Christmas Carol

 

Samstag, 1.12.07 4:30 Uhr, irgendwo in einem kleinen Dorf kurz vor Saarbrücken. Wie immer um diese Uhrzeit (No tears for the creatures of the night!)  begebe ich mich zu meinem Bett, um mir den längst überfälligen Schlaf abzuholen. Ich schlafe, wie üblich, bis 12:30 Uhr, wache putzmunter auf, springe ins Bad und sitze eine knappe Stunde später in meinem Wagen, der mich auf dem schnellsten Weg in Richtung Ludwigspark bringt. Es ist nun 14:05 Uhr und ich treffe im Park ein, zahle 4,50€ für meine Stehplatzkarte und freue mich auf ein gutes Fussballspiel. Kurz vor Anpfiff staune ich über die längste Trikotkette der Welt, die so lang ist, dass sie die komplette Laufbahn vereinnahmt. Die 6000 Zuschauer sind guter Stimmung, Fahnen wehen, Sprechchöre werden angestimmt, es erklingt die Vereinshymne aus tausend Kehlen. Um 14:30 Uhr pfeift der Schiedsrichter die Partie an, der Ball läuft so schnell in den eigenen Reihen, dass ich ihm kaum folgen kann, schon nach einer Minute die erste Großchance für Saarbrücken. Der Lärm der Fans ist bis in die Fußgängerzone hörbar. Das Spielniveau steigt von Minute zu Minute, ein offener Schlagabtauch zweier Mannschaften auf höchstem Niveau, Torchancen hüben wie drüben. In der 20.Minute trifft Manuel Rasp nach einer toll herausgespielten Chance, Marina ist chancenlos. Im Gegenzug rettet Formann mit einer Weltklasseparade die Führung. Nur 5 Minuten später trifft Hajdarovic nach einem weiten Abschlag von eben jenem Formann. D-Block und Virage-Est feieren gemeinsam die blau-schwarzen Helden auf dem Rasen, die bis zum Halbzeitpfiff in einem grandiosen Spiel die starken Neunkircher in Schach halten.

Rrrrrrrrrrrrrrrrring,rrrrrrrrrrrring. Ich werde unsanft von meinem Telefon geweckt. Irgendein ein Depp will mir ein R-Gespräch andrehen, es ist gerade mal 9:30 Uhr mitten in der Nacht, ich habe noch keine 5 Stunden geschlafen, will wieder ins Bett gehen, als es erneut klingelt. Wutentbrannt über den nervenden Anrufer lege ich den Hörer beiseite und versuche wieder einzuschlafen, was mir nicht mehr so recht gelingen mag. Verschlafen quäle ich mich aus meiner Schlafstätte und wanke ins Badezimmer.Als ich in den Spiegel schaue, erschrecke ich, reibe mir verwundert die Augen und drehe mich um. Da steht ein mir gänzlich unbekannter Typ hinter mir, zerissenes blau-schwarzes Trikot, kaputte Hose, mitgenommen aussehende Schuhe, Mütze auf der nur noch schwer erkennbar die Buchstaben  "A fsti g" zu lesen sind. Er nimmt mich bei der Hand und spricht: Ich bin der Geist der vergangenen Weihnacht, komm, ich muss dir etwas zeigen". Ich spüre, wie sich mein Körper langsam vom Boden löst, zwicke mich in den Arm und spüre einen leichten Schmerz, scheint also kein Traum zu sein. Alle Gesetze der Physik verachtend gleiten wir lautlos durch Wände und fliegen hinfort, ja wir fliegen!

Aber wieso fliegen wir eigentlich rückwärts? Und wieso sehe ich plötzlich noch vereinzelt Deutschland-Fähnchen an den Autos? Verblüfft stelle ich fest, dass wir sogar das Saarland hinter uns lassen. Einige Minuten später endet unsere Reise abrupt, wir sind in Darmstadt gelandet, im Auswärtsblock des dortigen Stadions! Ein achtlos weggeworfenes Stadionheft läßt mich das heutige Datum erkennen: 02.12.06 . Der Block ist menschenleer, auf der anderen Seite feieren einige "Lilien"- Fans ihre Mannschaft, sie hat gerade den 1.FC Saarbrücken mit 4-0 geschlagen. Bevor ich begreife, was hier vor sich gehen mag, zieht mich der Geist schon wieder fort, diesmal nach Saarbrücken, die Zeit ist vorangeschritten, er erzählt mir, es sei nun bereits der 9.12.06 . Wir gehen unbemerkt zu einer Gruppe Menschen, die sich am Ausgang des D-Blocks getroffen hat. "So ein Scheiß-Spiel, 2-2 , gegen Pfullendorf! Das ist doch unglaublich. Gott sei Dank ist jetzt Winterpause, danach müssen wir richtig angreifen!" Das ist alles, was ich verstehen kann, denn plötzlich bin ich wieder zu Hause.

14:05 Uhr, höchste Zeit loszufahren, wenn ich noch pünktlich kommen will, "Ich sollte wirklich ab und an auf die Rauschmittel verzichten" denke ich mir noch, als da schon wieder ein komischer Kerl im Haus steht, "Liebe kennt keine Liga" steht auf seinem Shirt und auch auf seinem Schal, der  aber irgendwie schon etwas mitgenommen ausschaut. "Ich bin der Geist der gegenwärtigen Weihnacht" sagt er, berührt meine Schulter und ich stehe mitten im A-Block, 10 Minuten später sehe ich die längste Trikotkette der Welt, und frage mich ob die Welt in den letzten Jahren geschrumpft ist, wenn diese 5 Shirts tatsächlich die längste Trikotkette der Welt sein sollen. Um 14:30 beginnt vor knapp 3600 Zuschauern ein weiterer unrühmlicher Höhepunkt in der Geschichte des FCS. Ein Grottenkick gegen Borussia Neunkirchen, jedes Curling-Spiel ist spannender und reicher an Glanzlichtern. Die einzige Großchance vergibt Manuel Rasp in der 20. Minute kläglich.Kaum Strafraumszenen, viele Nicklichkeiten, kein Spielfluss.  Erste Pfiffe begleiten die Teams in die Halbzeitpause. Nach der Pause trifft Neunkirchen zum 0-1, die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt und das Dutzend Neunkircher-Fans macht lautstark Stimmung für die eigene Truppe. Ohne jemals den Anschein zu erwecken noch in der Lage zu sein, das Spiel drehen zu können, verabschiedet sich eine ganz schwache Saarbrücker Elf mit einer weiteren Niederlage. Vereinzelt sind Forderungen nach einem gewissen "Ehrmanntraut" zu hören, in der französischen Ostkurve wird munter weiter Kinderchor gespielt, das Spiel ist längst aus. Ich höre ein paar Fans sprechen, höre wie sie davon reden noch irgendwie Bad Kreuznach zu überstehen und dann nach der Winterpause wieder richtig angreifen zu können.

So unverhofft ich im Stadion war, so unverhofft verschlägt es mich zurück. Ich will gerade einen Bericht über das Spiel in meinen Weblog eintragen, da erscheint der dritte ungebetene Gast des Tages, er trägt ein Trikot, einen Schal und eine Mütze der SV Elversberg und spricht: "Ich bin der Geist der zukünftigen Weihnacht, lass uns sehen, was die Zukunft bringt." Meine Verwunderung hält sich in Grenzen, als er mich kurz berührt und ich schon wieder im Ludwigspark stehe. In einem fast völlig verwaisten Park trainiert gerade die zweite Mannschaft der SV Elversberg, es ist der 06.12.2008 und im E-Block wird immer noch das Lied vom spiel gegen Neunkirchen aus dem letzten Jahr gesungen. Der Geist zieht mich weiter ins Sportfeld, dort spielt gerade die zweite Mannschaft des 1.FC Saarbrücken gegen den SF Köllerbach. "Nein, nein" belehrt mich der Geist, "das ist die erste Mannschaft des 1.FC Saarbrücken, Tabellenzwölfter der Oberliga, 15 Punkte Rückstand auf den Tabellenführer FC Homburg" . 50 Fans aus Köllerbach und ca 100 aus Saarbrücken sind anwesend, Cheftrainer und gleichzeitiger FCS-Manager Didier Phillipe schaut ratlos drein, als die Sportfreunde aus Köllerbach das 0-4 erziehlen. "Ich sehe die Mannschaft am Ende unter den ersten drei" ist zu vernehmen.  Ich haue mir meinen Kopf gegen eine Wand und der Schmerz ist höllisch groß, verdammt schon wieder kein Traum!.

 

1.12.07 19:16

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


(1.12.07 22:35)
sehr hübscher bericht, weiter so

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen